Andacht zum Vaterunser

New York, New York, waren Sie schon einmal dort?

Geschichtsträchtig: Die Freiheitsstatue,

unterhaltsam: der Times Square,

tief beeindruckend: Ground Zero und das neue One World Center, romantisch: die Skyline New Yorks am Abend.

Da pulsiert das Leben.

Alle Menschen scheinen ständig unterwegs zu sein, Tag und Nacht. Da ist viel Hektik und Stress, aber auch tolle Hochhäuser,

Kultur und Entertainment ohne Ende.

Der Verkehr pulsiert. Die gelben Taxis winden sich durch die Viertel und die Fußgänger versuchen die Straße zu überqueren.

Und während viele schick gekleidet im Bürooutfit unterwegs sind, sehe ich den Obdachlosen am Zebrastreifen liegen

Und mir fallen die Worte eine:

„Unser täglich Brot gib uns heute.“

Ich reiche ihm den Donut mitsamt der Tüte.

Am Abend bete ich im Hotel für mich das Vaterunser:

Unser täglich Brot gib uns heute?

Und mir geht das Bild der Obdachlosen Frauen und Kinder nicht aus dem Sinn,

die ich in Manhattan in Hauseingängen habe übernachten sehen.

 

Das Vaterunser ein fester Anker in meinem Alltag,

ist auch immer wieder Grund zum Nachdenken

über mich und meine Umwelt.

Bei jeder Amtshandlung gehört es dazu.

Vieles kann im Gottesdienst ausfallen,

das merkt kaum jemand,

aber mit dem Vaterunser ist es anders.

Keine Feier ohne das Vaterunser:

ob Trauung, fröhliche Jubiläen oder auch traurige Stunden.

Das Vaterunser gehört einfach dazu.

Selbst im Seniorenheim erlebe ich es häufiger,

dass Menschen nicht mehr wissen wie sie heißen.

Aber stimmen wir im Gottesdienst das Vaterunser an,

beten sie plötzlich mit.

Auch wenn sie, liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht schon lange nicht mehr gebetet haben,

auch Ihnen fällt das Vaterunser wieder ein.

Und vielleicht können auch Sie Halt an diesen Worten finden.

 

Martin Luther hat sich zu seiner Zeit ein wenig aufregen müssen.

Das Vaterunser und andere Gebete wurden wie eine Leier stundenlang abgespult, um durch Aufsagen die Befreiung von Sünden zu erreichen. Nach dem Motto. Viel Beten hilft viel.

Deshalb schreibt Luther ärgerlich:

„Das Vaterunser ist gar der „größte Märtyrer auf Erden,

denn jedermann plagts´ und missbraucht es,

ohn alle Andacht wirds´ zerplappert und zerklappert.

Wenige tröstets noch und macht fröhlich durch rechten Gebrauch. Aber daneben – und da bin ich gewiss-

wurde und wird es auch mit Hingabe geflüstert, mit zitternden Lippen, letzter Strohhalm, wenn gar nichts mehr geht;

letzter Halt, wenn alles um uns her haltlos wird.

An den Kranken- und Sterbebetten und Gräbern, und ebenso an den Wiegen und Altären wird es gebetet.

Unsere Großväter -und Mütter haben es gebetet –

und hoffentlich auch noch unsere Kinder und Enkel.

Die Traurigen und die Fröhlichen nutzen es.

Und alles ist von diesem knappen Gebet umschlossen.“

 

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name ………«

Jesus lehrt seine Jünger bei Matthäus, Kapitel 6, so zu beten,

im Vertrauen auf eine Welt,

die von Gott gehalten wird.

Wer das beten kann, „Vater unser“,

der weiß sich als Kind, des einen guten Gottes,

und darum nicht als Sklave eines finsteren Schicksals.

Nein, du bist wer, kostbar, geliebt vom Herrn des Lebens.

 

In ihm haben wir immer eine erstklassige Adresse,

für unsere Bitten und unsere Klagen,

für Zweifel auch und schlaflose unruhige Nächte,

dann etwa wenn die Tür zum Operationssaal sich öffnet,

wenn eine Prüfung ansteht oder ein schwieriges Gespräch.

Das Vaterunser gibt mir Kraft und Hoffnung.

 

Corinna Luttropp-Engelhardt